Ehrlichkeit oder Diplomatie – Was ist richtig(er)?

Lässt sich das überhaupt so eindeutig beantworten?
Kommt es nicht vielmehr auf die jeweilige Situation an?
Wie sehr dürfen wir uns anderen zumuten?

In Beratungsgesprächen ist immer wieder Thema, wie der Balance-Akt zwischen Ehrlichkeit und Diplomatie machbar ist. Da höre ich oft Aussagen wie „Ich will ihr endlich einmal sagen, wie es mir damit geht – aber ich will sie dabei nicht verletzen!“ Da beginnt die Schwierigkeit – Ärger wird lieber hinuntergeschluckt und unterdrückt.

Schluss mit Rabattmarken sammeln

In solchen Situationen erinnere ich mich immer an Barbara Berckhan, die in einem ihrer Bücher vom „Rabattmarken sammeln“ schreibt. Dabei geht es darum, dass Ärger und Unzufriedenheit spürbar ist, jedoch nicht ausgesprochen wird.

  • Das ist ja nicht der Rede wert und ich will ja nicht kleinlich sein!
  • Das hat sie ja nicht mit Absicht gemacht!
  • Er hat wohl einen schlechten Tag und ich will jetzt nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen!
  • Oh, da hat sie wohl einen wunden Punkt bei mir erwischt. Das muss ich mit mir selbst klären und ich will ihr auch nichts davon sagen, denn damit mache ich mich verletzbar.
  • Ich mag ihn ja eigentlich sehr gerne!

Es wird aber wie in einem Rabattmarkensammelheft innerlich ein Markerl geklebt. So passieren nach und nach weitere Kränkungen, Verletzungen, Zurückweisungen und das Heft füllt sich stetig. Irgendwann ist es dann voll und wird eingelöst.

Manchmal passiert das bei einer Person, die „den Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt“ beisteuert und vorher nichts damit zu tun hatte. Ich kenne solche Situationen nur zu gut aus beiden Positionen.

Achtung – Explosionsgefahr!

Oft wird Ärger unterdrückt und versucht, der anderen Person mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Wenn hinter diesem Verhalten jedoch eine hochexplosive Mischung aus Ärger, Kränkung, Rache usw steht, kommt es rasch zum Kippeffekt.

So ein Geschenk kann noch so schön dekoriert sein, es wird zur Entladung kommen und die kann vernichtend sein.

Das mag zwar ehrlich und authentisch sein, hilft jedoch nicht so sehr, die künftige Zusammenarbeit konstruktiv zu gestalten.

Viel erfolgsversprechender ist es, offen und wertschätzend zu kommunizieren. Dazu gehört, dass ich mir selbst darüber klar bin, was ich erreichen will.

Ist-Analyse

Es lohnt sich sehr, darauf zu schauen, wie sich der Konflikt entwickelt hat. Welche Wahrnehmungen führten dazu? Welche (unausgesprochenen) Erwartungen hatte ich? Welcher Arbeitstyp bin ich?

Ich habe bereits in einem Artikel darüber geschrieben, wie Verstehen gefördert werden kann: Missverstehen ist die Regel?

Klarheit und Perspektivenwechsel

Die gute Vorbereitung macht den Unterschied. So lange Rachegelüste im Vordergrund stehen, ist keine konstruktive Klärung möglich.

Daher ist es unbedingt erforderlich, sich vorher darüber klar zu werden, was das Ziel des Gesprächs sein soll!

Muss ich weiterhin mit der Person im Team zusammen arbeiten? Gibt es viele Überschneidungen in den Arbeitsbereichen?

Können Arbeitsbereiche getrennt werden? Je nach Interesse und Talent?

In der Vorbereitung auf solche Gespräche empfehle ich auch immer einen Perspektivenwechsel: Wie stellt sich die Situation aus der Sicht der anderen Person dar? Was denkt, fühlt sie? Wie handelt sie? Ich muss dafür nicht „in den Mokassins der anderen Person gehen“ – es genügt, sich kurz in deren Lage zu versetzen.

Das Finale

Schlussendlich geht es darum, lösungsorientiert zu handeln. Dazu gehört

  • das eigene Verhalten kritisch, aber nicht überkritisch, zu reflektieren
  • Wünsche an die andere Person zu formulieren
  • Parameter zu entwickeln, an denen Veränderungen in die gewünschte Richtung messbar werden
  • Möglichst konkret Kriterien zu benennen, die auch objektiv überprüfbar sind. „Ich möchte, dass du freundlicher zu mir bist“ reicht da nicht aus. Konkret wäre „Ich möchte, dass du mich grüßt / ausreden lässt“ oder auch „Ich möchte, dass du dir meine Vorschläge erst einmal anhörst, bevor du sie ablehnst“

Die Kür ist, weg von persönlichen Befindlichkeiten zu kommen und auf eine möglichst gute Zusammenarbeit zu schauen. Immerhin handelt es sich um Arbeitskolleg_inn_en und alle sind dort, um den Arbeitsauftrag zu erfüllen. Freundschaften pflegen wir lieber außerhalb des Arbeitsplatzes!

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